Zwischen professioneller Neutralität und sozialer Transformation.
Religionswissenschaftliche Hochschullehre zu sensiblen Themen am Beispiel des Seminars «Religion, Gewalt und Geschlecht»
DOI:
https://doi.org/10.26034/fr.zfrk.2025.7660Schlagworte:
Religionswissenschaft, sensible Themen, brave space, UnterrichtAbstract
Im Zentrum der Religionswissenschaft stehen häufig sensible Themen, d.h. Themen, die kontroverse Diskussionen sowie starke und möglicherweise auch belastende Emotionen auslösen können. Folglich befassen sich auch religionswissenschaftliche Lehre und religionskundlicher Unterricht mit sensiblen Themen. Ein Beispiel dafür sind die Wechselwirkungen zwischen Religion, Gewalt und Geschlecht.
Ausgangspunkt für diesen Beitrag ist die Annahme, dass die Auseinandersetzung mit solchen Themen spezifische Rahmenbedingungen erfordert, wenn sie konstruktiv sein soll; Hochschulseminare und andere Bildungskontexte erfüllen diese jedoch nicht automatisch. Einen geeigneten Rahmen zu schaffen, um über sensible Themen offen sprechen zu können, ist für religionswissenschaftliche und religionskundliche Lehr-Lernsituationen aufgrund des sensiblen Potenzials vieler ihrer Themen jedoch zentral. Hinzu kommt, dass aktuell weltweit die Erosion demokratischer Strukturen und Gleichheitsprinzipien durch das Erstarken rechter und autoritärer Denk- und Handlungsweisen die gesellschaftlichen Verhandlungen von bestimmten Themen schwieriger, gleichzeitig aber auch dringender machen. Wie also können und sollten religionswissenschaftliche Lehrveranstaltungen zu sensiblen Themen gestaltet werden? Der Beitrag geht dieser Frage mit einem Fokus auf die Konzeption religionswissenschaftlicher Hochschullehre am Beispiel eines Seminars zu «Religion, Gewalt und Geschlecht» nach, das sich didaktisch am Konzept des brave space (Arao & Clemens, 2013) orientierte. Inhaltlich widmete sich das Seminar Gründen, Folgen und Prozessen der Aufarbeitung von Gewalt in Kontexten von Judentum, Christentum und Islam sowie einigen weiteren religiösen Traditionen.
Zunächst wird die Konzeption des Seminars, das im Wintersemester 2024/2025 an der XXX durchgeführt wurde, beschrieben. Des Weiteren wird erläutert, was das Thema Religion, Gewalt und Geschlecht zu einem sensiblen Thema macht und es werden die Massnahmen, die in der Einstiegsphase des Seminars getroffen wurden, um einen brave space zu schaffen, evaluiert. Ausserdem wird auf einige ausgewählte fachliche Ergebnisse der im Seminar geführten Diskussionen eingegangen. Zum Schluss wird die Frage erörtert, inwiefern in religionswissenschaftlichen Hochschulseminaren transformatives Lernen im Sinne der von den Vereinten Nationen geforderten «Bildung für nachhaltige Entwicklung» (BNE) erfolgen kann und sollte, die u.a. auf die Gleichberechtigung der Geschlechter abzielt, um die Vision einer friedlichen Gesellschaft zu realisieren. Dabei wird insbesondere das Verhältnis zwischen Neutralität und Werturteilsfreiheit, die als zentrale Elemente des religionswissenschaftlichen Selbstverständnisses gelten, und der Möglichkeit von Transformationen im Sinne der BNE durch religionswissenschaftliche Lehre beleuchtet. Die These ist hier, dass die Religionswissenschaft gerade auf der Grundlage ihrer Neutralität und Werturteilsfreiheit einen Beitrag dazu leisten kann, die Voraussetzung für eine solche Transformation zu schaffen – und dass diese auch religiöse Hegemonien betreffen kann. Es wird demnach am Beispiel des Themas Religion, Gewalt und Geschlecht dargelegt, inwiefern die Maxime religionswissenschaftlichen Forschens und Lehrens, das didaktische Konzept des brave space und das Ziel transformativen Lernens im Sinne der Bildung für Nachhaltige Entwicklung nicht in einem unvereinbaren Widerspruch zueinanderstehen, sondern eine synergetische Triade bilden.
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